Zur Gestaltung der Giebelwand der Aula des Kranich-Gymnasiums

von Walter Junge, 1956

    Wer einmal die Gelegenheit hatte, eine größere Anzahl von Schulneubauten der Nachkriegszeit zu sehen, wird sicherlich bemerkt haben, daß weit häufiger als früher an fast allen Bauten künstlerischer Schmuck angebracht wurde.

    Gleichzeitig aber hat er, wenn er ein aufmerksamer Beobachter war, feststellen können, in welche Verlegenheit die maßgeblichen Instanzen - Behörde, Architekt, ausführender Künstler - fast immer gekommen sind, wenn man sich im Laufe der Verhandlungen endlich konkreten Vorschlägen über den Inhalt des vorgesehenen Schmuckes näherte. Die Einigung über technische Fragen, also über die Art des anzubringenden Schmuckes - ob Mosaik, Sgraffito, Wandmalerei, Kachelsetzung, Holzintarsie etc. - wird schnell erzielt worden sein. Wenn es aber schließlich darum ging, das sogenannte "Motiv" oder sagen wir ruhig den Inhalt oder Sinngehalt festzulegen oder auch nur im Ungefähr zu umreißen, begannen die eigentlichen Schwierigkeiten.

    Man war sich zwar klar darüber, daß die geplante Arbeit eine innere sinnbildliche Beziehung zum Wesen einer Schule überhaupt oder in besonderen Fällen sogar zu dieser einen für den Schmuck ausersehenen Schule haben mußte. Vielleicht war sie schon sehr alt und Trägerin einer langen geschichtlichen Tradition, die bei ihrem Neubau berücksichtigt werden mußte. Oder sie war eine Neugründung, und es war darum naheliegend, wie es z.B. bei unserer Oberschule der Fall ist. Wie nun aber diese sinnbildliche Beziehung oder Ausdeutung inhaltlich zu fassen war - ganz abgesehen von der formalen Lösung - darüber werden die Meinungen wohl immer weit auseinandergehen.

    Die Schwierigkeiten sind nur angedeutet, wenn ich darauf hinweise, daß sich unter allen Umständen Form und Inhalt decken müssen! Dies aber ist eigentlich nur dem Künstler bewußt, doch kaum jemals einem aus der großen Zahl derer, die aufgefordert ihre gutgemeinten Vorschläge über den symbolischen Inhalt der geplanten Ausschmückung abgeben. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die mir von den verschiedensten Seiten gemachten Vorschläge hinsichtlich der Ausgestaltung der Aulawand unseres Gymnasiums vollzählig anzuführen. Die meisten waren - wie fast immer bei derartigem Anlaß - völlig unbrauchbar, weil ihre Ausführung entweder unmöglich war oder aus ästhetischen Gründen nicht in Frage kam.




     Nur einige wenige habe ich in Entwürfen zu realisieren versucht, obwohl es mir schon vorher klar war, daß auch diese Vorschläge kaum mit den formalen Voraussetzungen unter ein Dach zu bringen waren. Diese Entwürfe bildeten also letzten Endes nur eine Bestätigung meiner vorherigen Bedenken. Ich habe sie aber gemacht, um den naheliegenden Vorwurf der Überheblichkeit oder Selbstgerechtigkeit zu entgehen.

    Alle Versuche, den Schmuck, wie es heute üblich ist, auf die linke oder rechte Seite, in die obere oder untere Hälfte der Fläche zu verlegen, scheiterten zu meinem Bedauern an dem ungewöhnlichen Verhältnis von Höhe zu Breite dieses Giebels. Wäre er links angebracht worden, hätte der Giebel sich für den Betrachter nach links geneigt, und umgekehrt. Es blieb nach allem nur die Zentralkomposition für diese schwerfällig-breite Fläche übrig. Was nun an unserer Aulawand entstanden ist, will ich mit den gleichen Worten umreißen, die schon einmal an anderer Stelle zu lesen waren:

    Was ist zu sehen? Ein abstraktes Gerüst in Streifen und Bögen teilt die Fläche auf. In diesen Streifen, Feldern, Bögen sind fliegende Vögel zu sehen, im unteren Teil ein großer, mehrfach aufgeteilter Kreis, dazu eine Abschlußleiste. Die Farben sind weiß, rostrot und golden. Es galt, für diese Wand ein Motiv zu finden, das wohl Bezug nahm auf die Schule, insbesondere auf den Zweck dieses Gebäudes, einer Aula, die feierlichen Zwecken dienen soll, dies aber nur in ganz dezenter und sehr zurückhaltender Form zu tun hatte. Dieses Motiv sollte nicht nur die Aula schmücken, sondern auch der ganzen Straße ein Profil geben, sofern dies möglich war.




    Jeder plumpe und allzu deutliche Hinweis also mußte unterbleiben. Ferner mußten natürlich die Gesetze künstlerischer Gestaltung unbedingt gewahrt bleiben. Vor allem aber mußte eine sehr moderne, dem heutigen Empfinden nach eine gemäße Form gefunden werden, um die erstrebte Symbolik in unaufdringlicher, doch leicht überschaubarer Form zu verdeutlichen. Es mußte ein Prinzip angewandt werden, das man nicht ganz erschöpfend mit "Stilisierung", mit Vereinfachung, Reduzierung oder Konzentration eines Motivs bezeichnet.

    Allen Anhängern eines platten Naturalismus wird diese Wand nichts sagen. Sie werden mir vorhalten, daß die Vögel keine Augen, keine Federn und keine Füße haben oder ähnliches. Sei es drum! Eine Auseinandersetzung über die Gesetze einer Wandgestaltung mit den Verfechtern dieser Richtung wäre sinn- und zwecklos. Ich gebe hiermit, um alles Rätselraten zu beenden, folgende Erklärung des Motivs:

    Seit alters her ist der fliegende Kranich in der Symbolwelt vieler Völker das Sinnbild des lebendigen Geistes, der sich immer wieder unverdrossen über alles Irdische und alle Widerstände hinweg emporzuheben versucht. Gelingt ihm der Aufstieg, stellen sich andere Hindernisse in seinen vorwärtsstürmenden Flug. Sie müssen immer wieder überwunden werden. Daher die ständige Wiederholung des fliegenden Kranichs, daher die Streifen, Flächen, Bögen als die ständigen Widerstände gegen den Flug des lebendigen Geistes.

    Der große, mehrfach aufgeteilte Kreis bedeutet vieles in einem: das Weltall, das Sonnensystem mit seinen Trabanten, unsere Erde. Der Kreis ist außerdem das alte System der Vollkommenheit, dient somit wieder als leiser Bezug auf unser pädagogisches Bemühen, Menschen heranzubilden, indem wir ihnen die Sehnsucht nach dem Ideal des in sich vollkommenen Menschen zu erwecken versuchen - wenn wir auch nur allzu gut wissen, wie fern und nahezu unerreichbar dieses Ideal für uns ist und bleiben wird. Es war eine wohl anstrengende, aber auch schöne und Freude bringende Aufgabe, diese Wand gestalten zu dürfen. Ich hoffe, daß sich vor ihr heftige Diskussionen für und wider abspielen werden. Nichts kann einem Künstler lieber sein.

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