Unwetter und ein Tornado: Amerikanische Austauschschüler in Hamburg

Eine Schulfahrt ist ein Geschäft, bei dem man am Fließband entscheiden muss. Da ist guter Rat oft teuer. Aber der Reihe nach. Für den ersten Tag der Sommerferien war ein Ausflug mit den amerikanischen Gastschülerinnen und Gastschülern nach Hamburg geplant. Aber Plan und Ausführung sind zweierlei. Was alles noch kommen würde, ahnten wir am Anfang natürlich nicht. Schon die Einfahrt in den Hamburger Bahnhof mit dem 12 Uhr Zug war unheimlich: Düsterer Himmel, Regenfall, ein Blitz zuckte in der Ferne und die Straßenbeleuchtung wurde eingeschaltet. Weltuntergangswetter! Aber: Der „High Noon“ ließ noch auf sich warten… Statt mit dem American Dream bekamen wir es eher mit dem American Nightmare zu tun.

Zunächst lernten unsere amerikanischen Austauschülerinnen und -schüler das vielfältige Hamburg und die zentralen Sehenswürdigkeiten bei einer Stadtrundfahrt in einem Doppeldeckerbus kennen. Es lief gut an! Tatsächlich konnte nach einigen Stationen das Dach des Busses geöffnet werden und die Sonne kam sogar langsam zum Vorschein. Die Hamburger Innenstadt mit den Geschäften in der Mönckebergstraße, der Jungfernstieg, das Rathaus und eine Bootsfahrt auf der Alster beeindruckten unsere amerikanischen Gäste. Mit der Hälfte der Gruppe haben wir sogar noch die rechtzeitig fertiggestellte Elbphilharmonie aufsuchen können, während die andere Hälfte die Geschäfte unsicher machte.
Hamburg
Die Fahrt hätte perfekt sein können. Doch zurück am Hautbahnhof gab es ein Problem, mit dem keiner gerechnet hatte: Aufgrund des Unwetters, das am Nachmittag in der Hamburger Umgebung wütete, herrschten chaotische Verhältnisse am Hamburger Bahnhof. Der Bahnhof war voller ratloser und aufgeregter Menschen, denn es fuhren keine Züge. „Reality bites“ ist ein geflügeltes amerikanisches Wort, etwa „Wirklichkeit tut weh“. Wie wahr, wie wahr!

Jetzt war Improvisation gefragt, schließlich musste eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden werden. Glücklicherweise mussten wir nicht in einem von der Bahn bereit gestellten Zug übernachten, sondern fanden einen Schlafplatz in einem Hostel in Bahnhofsnähe. Die begleitenden Lehrerinnen und Lehrer (Herr Baker, der amerikanische Deutschlehrer, seine Französischkollegin Frau Miller und Frau Liebke vom Kranich-Gymnasium) spendierten den Schülerinnen und Schülern Zahnbürsten und Zahnpasta. Auf frische Kleidung am nächsten Morgen musste natürlich verzichtet werden.
Die Hamburg-Fahrt dauerte einen Tag länger als geplant, sodass die von Frau Schmidt und den deutschen Austauschschülern organisierte Besichtigung der Marienburg leider entfallen musste. Stattdessen legten wir einen Zwischenstopp in Bremen ein, um uns von dort nach Salzgitter durchzuschlagen, stärkten uns mit einem typisch deutschen Frühstück, entwickelten noch schnell ein Programm und besichtigen das Rathaus, die Bremer Stadtmusikanten, den Dom und die Altstadt mit der Böttcherstraße.

Mark Twain berichtet 1878 über seine Reise durch Deutschland von einer kurzen Rast in Hamburg, mildem Frühlingswetter und einem Schnellzug Richtung Süden. All das haben wir nicht gehabt. Die Rast war länger als gedacht, das Wetter war gegen uns und die Züge fuhren nicht bzw. kamen mit Verspätung. Und ein Umweg war erforderlich. Das kann man bedauern oder auch nicht. Die Amerikanerinnen und Amerikaner haben aber ganz im Sinne ihrer Vorfahren Pioniergeist, Optimismus und Durchhaltevermögen gezeigt. Das Ethos des American Dream hat sich auch hier bewährt. Der Flexibilität der deutschen Schülerinnen und Schüler und Eltern sei gedankt.
Bremen



Text: Kirsten Liebke


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